Die Natur nicht zu Tode regulieren
Naturschutz bedeutet, die einheimische Biodiversität so weit als möglich sich entwickeln zu lassen und nur einzugreifen, wenn es zur Förderung der Vielfalt der Arten nötig ist. Doch das scheint mehr und mehr in Frage gestellt. Unter dem unverdächtigen Titel «Regulation» werden weitreichende Eingriffe in Tierbestände und Naturschutzgebiete gefordert – nicht für die Natur, sondern ausschliesslich für den Menschen. Unter Beschuss sind die Grossraubtiere und Fischfresser. An einer Tagung von JagdSchweiz im letzten Februar forderte ein Jäger sogar, die Greifvögel in der Schweiz zu regulieren und den Greifvogelschutz endlich aufzuheben – die Erholung der Bestände verschiedener Greifvögel sei für den Hasenrückgang verantwortlich.
Einzelne Nutzergruppen wie die Schafzüchter sagen ganz offen, dass sie aus Eigennutz keine Grossraubtiere wollen. Eine Regulation auf Null, das ist ehrlich. Doch häufig wird das Eigeninteresse für eine Regulation kaschiert mit hehren Argumenten: Es gehe darum, in der stark genutzten Landschaft die biologische Vielfalt zu regulieren und ins Gleichgewicht zu bringen. Ein Gutachten von JagdSchweiz versucht zum Beispiel, den Schutz der gefährdeten Arten und jenen der Artenvielfalt gegeneinander auszuspielen und gipfelt in der Behauptung, dass die Grossraubtiere zu einem Rückgang der Artenvielfalt führen würden. Der amtlich geschätzte Rehbestand in der Schweiz beläuft sich auf 120 000 Tiere. Jährlich werden 40 000 Tiere gejagt und 16 000 überfahren oder sie kommen sonst zu Tode. Wenn die Luchse der Schweiz dann noch etwa 8000 Rehe fressen, dann soll das eine Gefährdung der Artenvielfalt sein?
Der Ruf nach Regulation kommt nur bei direkten Konkurrenten des Menschen. Das längst überwunden geglaubte Nützling–Schädling-Denken feiert mit all den Regulationsforderungen neue Urstände. Ende des 19. Jahrhunderts war es noch sehr stark verbreitet, doch die zunehmenden Kenntnisse in der Biologie führten zu einem modernen Umgang mit der Natur. Umso erstaunlicher ist der heutige Rückfall ins 19. Jahrhundert. Stammtischrunden mit ihren Schadensgeschichten statt wissenschaftliche Erkenntnisse?
Der Schweizer Vogelschutz SVS/ BirdLife Schweiz bittet alle Naturschützerinnen und -schützer mitzuhelfen, die grassierende Welle der Regulierungsbegehren zu stoppen. Es wäre viel sinnvoller, zusammen mit Jägern und Fischern die wirklichen Probleme für die Artenvielfalt und die Biodiversität anzugehen; mit Habitatschutz, Gebietssicherung und Artenförderung.
aus ORNIS 4/10 (August 2010)
In dieser «Meinung des SVS» fasst Werner Müller die Haltung des Schweizer Vogelschutzes SVS/BirdLife Schweiz zu aktuellen politischen Fragen zusammen. |