Sehr durchzogenes Jahr 2015 für die Biodiversität

 
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Veröffentlichungsdatum: 
29. Dezember 2015
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Am Ende des Jahres wird in vielen Bereichen Bilanz gezogen. In Bezug auf die Biodiversität in unserem Land zeigt sich: 2015 war ein sehr durchzogenes Jahr mit einigen kleinen Erfolgen, aber gesamthaft einem weiteren starken Rückgang der biologischen Vielfalt. Es ist dringend, dass der Aktionsplan Biodiversität endlich beschlossen und umgesetzt wird.

Medienmitteilung von BirdLife Schweiz vom 29.12.2015

Am Ende des Jahres wird in vielen Bereichen Bilanz gezogen. In Bezug auf die Biodiversität in unserem Land zeigt sich: 2015 war ein sehr durchzogenes Jahr mit einigen kleinen Erfolgen, aber gesamthaft einem weiteren starken Rückgang der biologischen Vielfalt. Es ist dringend, dass der Aktionsplan Biodiversität endlich beschlossen und umgesetzt wird.

Der gefährdete Kiebitz, ein Watvogel von Ried- und Kulturlandflächen, erreichte in diesem Jahr einen schönen Rekord: 181 Brutpaare konnten in der Schweiz gezählt werden. Nur dank besonderen Artenförderungsmassnahmen konnte sich sein Bestand vom Tiefststand mit rund 90 Brutpaaren im Jahr 2009 wieder etwas erholen. Allerdings relativiert sich die Zunahme, wenn man die Zahl mit den Beständen vor dreissig Jahren vergleicht: Gegenüber dem Bestand von 1980 entsprechen die 181 Brutpaare weniger als einem Fünftel. Die Art hatte in den letzten Jahrzehnten überall in der Schweiz stark abgenommen.

Der Kiebitz mit seiner attraktiven Haube zeigt exemplarisch ein generelles Problem der biologischen Vielfalt in unserem Land: Die punktuellen Erfolge des Naturschutzes sind erfreulich, aber sie reichen bei weitem nicht aus, um die grossen Verluste zu kompensieren. Der Gesamt-Trend der Biodiversität in der Schweiz ist weiterhin stark negativ, es ist noch nicht einmal die Talsohle erreicht.

Zum Jahresbeginn musste denn auch der Bundesrat im Umweltbericht 2015 festhalten: „Die Biodiversität in der Schweiz ist in einem schlechten Zustand“. In der dicht besiedelten Schweiz hänge die Entwicklung der Biodiversität stark davon ab, ob es gelinge, eine ökologische Infrastruktur aus Schutz- und Vernetzungsgebieten aufzubauen und die Agglomerationen so aufzuwerten, dass sich der Zustand der Biodiversität im Siedlungsraum verbessert.

Allerdings ist der Aktionsplan Biodiversität, mit welchem die bereits 2012 vom Bundesrat beschlossenen zehn Biodiversitätsziele der Schweiz erreicht werden sollen, noch immer nicht in Kraft. In einer Vorkonsultation vom vergangenen Sommer wurde der Aktionsplan von den Kantonen gut aufgenommen, wie eine Analyse der Stellungnahmen verschiedener Kantone zeigt, die auf dem Internet zugänglich sind. Der Bundesrat hat in seinen Jahreszielen beschlossen, dass er im ersten Halbjahr 2016 die Vernehmlassungsvorlage zum Aktionsplan der «Strategie Biodiversität Schweiz» verabschieden wird. Der Aktionsplan soll gemäss dem Bundesrat dazu beitragen, dem deutlichen Rückgang der biologischen Vielfalt und damit der Bedrohung unserer Lebensgrundlagen und unseres Wohlstands entgegenzuwirken. Dies ist dringend nötig, um den Negativtrend der letzten Jahrzehnte abzuschwächen und umzukehren.

Die weitere Abnahme der Biodiversität im Jahr 2015 zeigt sich unter anderem in folgenden Fakten:

  • 2015 schlossen sich erstmals 35 wissenschaftliche Institutionen aus der ganzen Schweiz zusammen, um den Zustand der Biodiversität umfassend zu analysieren. Ihr Schluss: Die biologische Vielfalt geht weiter stark zurück. Die Bestände der Amphibien sind trotz der Unterschutzstellung der national bedeutenden Laichgebiete und der Erfolge gezielter Schutzprogramme nach wie vor rückläufig. Moore verlieren trotz Verfassungsschutz an Fläche und sind durch Austrocknen und Stickstoffeintrag gefährdet. Artenreiche Trockenwiesen verschwinden, stark gefährdete Pflanzenarten gehen besonders stark zurück.
     
  • Im zu Ende gehenden Jahr wurden wieder rund 30 Quadratkilometer Land verbaut. Das entspricht etwa 40 0000 Fussballfeldern oder der Fläche des Brienzersees.
     
  • 2015 zeigte eine Studie aus dem Kanton Aargau erstmals auf, welches die Gründe für den wachsenden Verlust an wertvollem Kulturland ausserhalb der Bauzone sind. Es zeigte sich, dass rund 60 Prozent auf den Bau von landwirtschaftlichen Bauten zurückzuführen sind. Revitalisierungen hingegen machen nur einen verschwindend kleinen Teil aus (6 Prozent).
     
  • Die dringend nötige ökologische Infrastruktur - eines der zehn 2012 vom Bundesrat beschlossenen Biodiversitätsziele der Schweiz - kommt nicht vom Fleck: Die Fläche der nationalen Schutzgebiete verharrt seit 2010 unverändert bei 6,2% der Landesfläche. Immerhin kamen im zu Ende gehenden Jahr Schutzflächen in Form der Erweiterung von Wasser- und Zugvogelreservaten um 560 ha hinzu. In den letzten fünf Jahren nahm die nationale Schutzgebietsfläche der Schweiz jedoch nur gerade um 0,2% zu.
     
  • Im März 2015 zeigte der Umweltbericht der Europäischen Umweltagentur EEA, in welcher die Schweiz Mitglied ist, dass unser Land bezüglich der Ausscheidung von Schutzgebieten von allen 38 untersuchten europäischen Ländern den letzten Platz belegt.
     
  • 2015 gab es im Landwirtschaftsland im Talgebiet mehr als 65‘000 ha Biodiversitätsflächen. Damit wurde zwar die von der Agrarpolitik 2014-2017 genannte Schwelle erreicht, doch ist diese für den Erhalt der biologischen Vielfalt weder ausreichend, noch handelt es sich um ein fachlich sinnvolles Ziel. Vielmehr ist entscheidend, dass diese Flächen die nötige Qualität aufweisen und am richtigen Ort liegen. Dass die einst häufige Feldlerche in ihrem Bestand noch immer massiv abnimmt und bereits auf der Vorwarnliste zur Roten Liste steht, zeigt, dass die Biodiversität im Kulturland noch immer in einem sehr schlechten Zustand ist.
     
  • Teilweise gute Entwicklungen waren 2015 im Wald zu verzeichnen. Totholz, ein wichtiger Lebensraum für die Hälfte aller Arten im Wald, nimmt langsam, aber stetig zu. Bis der nötige Anteil auf der ganzen Waldfläche erreicht ist, braucht es aber noch zusätzliche Anstrengungen. Dazu werden die Biodiversitätsziele Wald des Bundes beitragen, welche im Frühling 2015 verabschiedet wurden.
     
  • Allerdings liess sich im Mittelland nur knapp eine massive Abschwächung des Schutzes der Waldfläche verhindern. Ein Vorschlag der zuständigen Nationalratskommission sah vor, den Wald faktisch der Raumplanung zu unterstellen: Jede Anlage, die im Richtplan eines Kantons eingetragen ist, hätte automatisch als standortgebunden gegolten und somit gebaut werden können. Das hätte den Schutz des Waldes massiv ausgehöhlt. Der Nationalrat rettete den Waldschutz mit einer grossen Mehrheit.

 

BirdLife Schweiz

Der Schweizer Vogelschutz SVS/BirdLife Schweiz hat 63'000 Mitglieder und ist der Dachverband von 20 Kantonalverbänden und 450 lokalen Natur- und Vogelschutzvereinen. Er setzt sich als vielseitiger Naturschutzverband für die Erhaltung und Förderung der Biodiversität ein, insbesondere auch für die Vögel und ihre Lebensräume. Er führt Projekte zum Schutz gefährdeter Arten und Lebensräume in der Schweiz und weltweit durch. Ebenso engagiert er sich in der Ausbildung und in der Motivation einer breiten Bevölkerung für den Naturschutz, unter anderem mit seiner Zeitschrift Ornis und den beiden Naturschutzzentren in La Sauge am Neuenburgersee und im Neeracherried im Kanton Zürich.


 

Pressebilder

Dass die einst häufige Feldlerche bereits auf der Vorwarnliste zur Roten Liste steht, zeigt, dass die Biodiversität im Kulturland noch immer in einem sehr schlechten Zustand ist.

Foto: BirdLife Schweiz

Das Bild darf nur im Zusammenhang mit dieser Medienmitteilung und unter korrekter Angabe des Fotografen verwendet werden.

Dass die einst häufige Feldlerche bereits auf der Vorwarnliste zur Roten Liste steht, zeigt, dass die Biodiversität im Kulturland noch immer in einem sehr schlechten Zustand ist.

Foto: BirdLife Schweiz

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Weitere Auskünfte erteilt Ihnen gerne:

Werner Müller, werner.mueller@birdlife.ch, Tel. 044 457 70 20, N 079 448 80 36
 


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