Die Schweizer Feuchtgebiete brauchen dringend Hilfe – jetzt!

Medienmitteilung von BirdLife Schweiz vom 29.1.2026

zum World Wetlands Day, 2.2.2026

Mit dem «World Wetlands Day» am 2. Februar erinnert die Ramsar-Konvention an die immense Bedeutung von Feuchtgebieten für Mensch und Natur sowie an ihre Bedrohung. In der Schweiz sind diese Ökosysteme und damit auch ihre Pflanzen- und Tierarten besonders stark gefährdet. Um die typischen Arten und die volle Funktionsfähigkeit der Schweizer Feuchtgebiete langfristig zu erhalten, reichen die verbliebenen Lebensraumfragmente laut Wissenschaft bei Weitem nicht aus. Sie müssen renaturiert und ihre Lebensräume wiederhergestellt werden.

Die Biodiversitätskrise in der Schweiz hat die Talsohle noch nicht erreicht; der Rückgang der biologischen Vielfalt dauert weiter an. Dies zeigt der neue Swiss Academies Report «Biodiversität verstehen und gestalten» vom Januar 2026, der von führenden Schweizer Forscherinnen und Forschern erarbeitet wurde. Besonders lang sind die Roten Listen bei Pflanzen- und Tierarten, die auf Gewässer und Feuchtgebiete angewiesen sind. Ihnen setzen die Zerstörung und Beeinträchtigung der Lebensräume durch Gewässerverbauungen, Entwässerungen, Stoffeinträge (Nährstoffe, Pestizide u. a.) und veränderte klimatische Bedingungen ganz besonders zu.

Der jährliche Word Wetlands Day ruft die starke Bedrohung, aber auch die grosse Bedeutung der Feuchtgebiete weltweit ins Gedächtnis. Als Feuchtgebiete werden dabei Flächen bezeichnet, die mit Wasser gesättigt sind oder permanent oder saisonal überflutet werden. Sie sind nicht nur Lebensraum für zahlreiche bedrohte Arten – sie haben auch einen enormen Nutzen für uns Menschen. So sind sie für die Minderung des Klimawandels unentbehrlich, da ihre Böden ausgezeichnete Kohlenstoffspeicher darstellen. Zudem wirken sie bei grossen Regenmengen wie ein Schwamm, der Wasser speichert und verzögert wieder abgibt. So reduzieren sie Überschwemmungen und mindern die Auswirkungen von Trockenperioden. Eine zentrale Rolle spielen Feuchtgebiete auch bei der Wasserreinigung.

Nur noch 10 % der Feuchtgebiete übrig

Typische Feuchtgebiete der Schweiz sind u. a. Auen, Hoch- und Flachmoore, Riedwiesen und Röhrichte. Von ihnen gibt es heute nur noch kleine Reste: Gemäss dem Swiss Academies Report sind von den im Jahr 1850 noch vorhandenen Mooren und Auen nur noch etwa 10 % übrig. Aus dem einst ausgedehnten Feuchtgebietsnetz wurde durch Umwandlung in intensiv genutztes Kulturland oder Überbauungen ein Flickwerk aus isolierten Restflächen, die meist weniger als 1 ha gross sind. Für diesen Umbau musste zuerst einmal das Wasser aus der Landschaft weggeführt werden: durch Gewässerverbauungen, Entwässerungsgräben oder Drainagen – Wasser, auf das man zukünftig angesichts der immer längeren Trockenperioden im Zusammenhang mit dem Klimawandel dringend angewiesen wäre.

Um die typischen Arten und die volle Funktionsfähigkeit der Feuchtgebiete langfristig zu erhalten, reichen die verbliebenen Lebensraumfragmente bei Weitem nicht aus. Sie müssen renaturiert und ihre Lebensräume wiederhergestellt werden. Bei Mooren und Auen ist gemäss dem Swiss Academies Report rund dreimal mehr qualitativ hochstehender Lebensraum nötig als heute noch vorhanden ist.

2012 hielt der Bundesrat in der Strategie Biodiversität Schweiz als Ziel die Einrichtung einer Ökologischen Infrastruktur zur Sicherung der Flächen in der nötigen Qualität und Vernetzung fest – ein weitsichtiger Entscheid. «Doch mit der Umsetzung der Ökologischen Infrastruktur lässt man sich viel Zeit, währenddessen weitere wertvolle Flächen verschwinden und Bestände zahlreicher spezialisierter Arten schrumpfen», sagt Daniela Pauli, Leiterin der Abteilung «Lebensräume und Schutzgebiete» bei BirdLife Schweiz. «Mangels Ressourcen gelingt es nicht einmal, die Qualität in den verbliebenen Feuchtgebiete zu halten: den Auen, Hoch- und Flachmooren von nationaler Bedeutung.»

Feuchtgebiete verlieren laufend an Qualität

Wie die «Wirkungskontrolle Biotopschutz Schweiz» (https://biotopschutz.wsl.ch/de/) des Bundesamts für Umwelt (BAFU) und der Eidg. Forschungsanstalt WSL zeigt, verändern sich zahlreiche dieser Biotope negativ. In Mooren geht der Anteil spezialisierter Arten zurück, was bedeutet, dass sie ihren typischen Charakter nach und nach verlieren. Die Gründe: Austrocknung, übermässige Stickstoffeinträge und ungenügender Unterhalt. Der Wasserhaushalt der Moore ist gestört, weil weiterhin Entwässerungsgräben und Drainagen das Nass abführen und hydrologische Pufferzonen fehlen. Die kritischen Belastungsgrenzen für Stickstoff werden in 94 % aller Hochmoore und drei Vierteln aller Flachmoore überschritten. Besonders hoch sind diese Stickstoffeinträge in Regionen mit hohen Tierbeständen. Viele Feuchtgebiete verbuschen, weil sie nicht gemäss den Schutzzielen unterhalten werden, es fehlt an personellen und finanziellen Ressourcen. Der Klimawandel verschärft diese Entwicklungen zusätzlich.

Das BAFU und die WSL mahnen in der Wirkungskontrolle Biotopschutz, dass Renaturierungen zur Wiederherstellung des natürlichen Wasserhaushalts in Mooren zentral seien, um ihre langfristige Austrocknung zu stoppen. Doch mit dem angekündigten «Entlastungspaket» will der Bundesrat nun ausgerechnet bei der Natur und damit auch bei den Biotopen von nationaler Bedeutung die Mittel kürzen, anstatt sie wie dringend nötig massiv aufzustocken.

BirdLife packt zusammen mit seinen Kantonalverbänden, lokalen BirdLife-Naturschutzvereinen und zahlreichen Partnern ganz konkret an und stellt zerstörte oder beeinträchtigte Feuchtflächen wieder her. So im Neeracherried, wo es in den letzten Jahren gelungen ist, in den Dorfwiesen, Saumbachwiesen und an der Westgrenze insgesamt rund 10 Hektaren wertvolle Feuchtgebiete wiederherzustellen.

Feuchtgebiete sind Lebensadern der Biodiversität und erbringen kostenlos enorme Leistungen für die Gesellschaft – sie brauchen dringend Hilfe. Der World Wetlands Day erinnert einmal mehr daran.
 

Forum Biodiversität Schweiz (Hrsg.) (2026): Biodiversität in der Schweiz verstehen und gestalten. Zustand, Entwicklung und Lösungsansätze - Ergebnisse aus Forschung und Monitoring. Swiss Academies Reports 21 (1)

Bergamini A. et al. (2025): Wirkungskontrolle Biotopschutz Schweiz (WBS): Zustand und Veränderungen in den Biotopen von nationaler Bedeutung nach zwei Erhebungsperioden. WSL Ber. 174: 207 S. 
 

Gemeinsam für die Biodiversität – lokal bis weltweit

BirdLife Schweiz engagiert sich mit viel Herzblut und Fachwissen für die Natur. Gemeinsam mit unseren 72’000 Mitgliedern, 430 lokalen BirdLife-Naturschutzvereinen und 19 Kantonalverbänden packen wir auf allen Ebenen für die Natur an.

Wir fördern gefährdete Arten wie Steinkauz oder Eisvogel sowie ihre Lebensräume und geben der bedrohten Natur eine Stimme. Mit den BirdLife- Naturzentren, -Kursen und -Publikationen bilden wir aus, machen die Natur hautnah erlebbar und begeistern für ihre Förderung.

Schlägt auch Ihr Herz für die Natur und die Vogelwelt? Engagieren Sie sich im BirdLife-Netzwerk: birdlife.ch/engagement

 


Bilder

Hierzulande sind laut dem Bundesamt für Umwelt (BAFU) nur noch gut 10 % der ursprünglichen Flach- und Hochmoore vorhanden.

Foto: BirdLife Schweiz/C. Glauser

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Mit dem vorgeschlagenen «Entlastungspaket» will der Bundesrat den Schutz und die Wiederherstellung der Biotope inkl. der Moore weiter schwächen.

Foto: BirdLife Schweiz/C. Glauser

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Die Hälfte aller Moore der Schweiz ist in einem schlechten Zustand. Falsche Unterhaltsarbeiten (Bild: zu tiefer Graben und Aufschüttung) zerstören die Moore zusätzlich.

Bild: BirdLife Schweiz

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Viele Arten, die auf Moore angewiesen sind, sind in der Schweiz fast oder ganz ausgestorben. So auch die Bekassine, die in unserem Land nicht mehr regelmässig brüten kann.

Bild: BirdLife Schweiz

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Der Grosse Brachvogel ist ein europaweit gefährdeter Bewohner von Flachmooren und Feuchtwiesen. Er ist in der Schweiz als Brutvogel faktisch ausgestorben. Im französischen Jura, in Baden-Württemberg und im Vorarlberger Rheintal kommt er noch vor.

Foto: Eduard Germann

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Auskünfte

Daniela Pauli, BirdLife Schweiz, daniela.pauli@birdlife.ch, Tel. 079 844 01 36