Jagd- und Schutzgesetz: Gesamtschau statt Stückwerk

Gemeinsame Medienmitteilung von Pro Natura, BirdLife Schweiz und WWF Schweiz, 3.11.2026

Das Jagd- und Schutzgesetz (JSG) braucht eine Gesamtschau statt überhasteter Teilrevisionen zum Wolf. BirdLife Schweiz, Gruppe Wolf Schweiz, Pro Natura und der Ökologische Jagdverein Schweiz zeigten sich am 3. November 2026 vor den Medien überzeugt, dass der Schritt zu einer pragmatischen Koexistenz von Mensch und Wolf nicht mehr weit ist. Eine nachhaltige Jagd- und Schutzpolitik muss die Erfahrungen mit dem Wolf berücksichtigen und den Schutz der Artenvielfalt und ihrer Lebensräume sichern.

Das Zusammenspiel von Menschen, Hunden, Zäunen, Jagd, Artenschutz, Wald und Wolf beginnt sich in der Schweiz einzuspielen. Trotzdem reisst die Flut von parlamentarischen Interventionen nicht ab. Seit der Rückkehr des Wolfs hat das Parlament über 220 Vorstösse zum Umgang mit ihm behandelt. Nun will der Bundesrat das JSG so revidieren, dass Abschüsse in eidgenössischen Jagdbanngebieten und während der Aufzuchtzeit der Welpen möglich werden. Und weitere Teilrevisionen sind vorgesehen. «Diese Betriebsamkeit ist einer kohärenten Gesetzesarbeit nicht zuträglich», sagt Sarah Pearson Perret, Directrice romande von Pro Natura. Die laufende Revision komme zudem zu früh: Die Erfahrungen mit dem erst im Februar 2025 vollständig in Kraft getretenen Wolfsmanagement sollten zuerst ausgewertet werden. Der dazu vom Parlament verlangte Bericht steht noch aus. Raffael Ayé, Geschäftsführer von BirdLife Schweiz, meint dazu: «Eine breit abgestützte, wissenschaftlich fundierte Gesamtrevision unter Einbezug aller Kreise, könnte Widersprüche im Gesetz bereinigen und endlich mehr Vertrauen zwischen allen Akteuren schaffen.» 

Die Koexistenz macht Fortschritte – Anstrengungen lohnen sich
Die immer besser etablierten und institutionalisierten Herdenschutzmassnahmen der Alpwirtschaft wirken, die Nutztierrisse sind rückläufig und die Kantone verfügen über flexible Möglichkeiten, auf Wölfe mit problematischem Verhalten zu reagieren. «Auch im europäischen Vergleich sind die Risszahlen pro Rudel tief», analysiert David Gerke von der Gruppe Wolf Schweiz die aktuelle Situation. Er ergänzt: «Der Herdenschutz und die Honorierung der Anstrengungen, insbesondere jene des Alppersonals, bleiben zentral». Wo Wölfe wiederholt Herdenschutzmassnahmen überwinden, können die Kantone schon heute unbürokratisch eingreifen und im Extremfall ganze Rudel entfernen. Auch bei einer Gefährdung der menschlichen Sicherheit bestehen rasche Handlungsmöglichkeiten. Entscheidend ist, die bestehenden Instrumente sachgerecht anzuwenden und ihre Wirkung umfassend auszuwerten, statt mit weiteren Einzelbestimmungen neue Widersprüche zu schaffen.

Der Wolf gehört auch zum Ökosystem Wald
Die JSG-Revision darf sich nicht allein auf die Regulierung des Wolfs konzentrieren. Wolf und Luchs beeinflussen die Verteilung und das Verhalten von Wildhuftieren und können so den Wald von Verbiss entlasten. Erfahrungen aus Graubünden zeigen, dass die Jagd mit der Präsenz des Wolfs ihren Zielen bei der Bestandsregulierung näherkommen kann. Die eidgenössischen Jagdbanngebiete müssen zudem als Rückzugsräume für störungsempfindliche und gefährdete Wildtiere erhalten bleiben. «Wolfsabschüsse in diesen Schutzgebieten und Eingriffe während der Aufzuchtzeit werfen grundsätzliche Fragen auf, die nicht isoliert beurteilt werden dürfen», sagt der Jäger und Förster Sandro Krättli vom Ökologischen Jagdverein Schweiz. 

Ein Schutzgesetz muss auch die Artenvielfalt sichern
Das Jagd- und Schutzgesetz dient nicht nur der Bejagung von Wildbeständen oder Regulierung von geschützten Arten. Es soll auch einheimische Arten und ihre Lebensräume schützen. Zahlreiche Arten sind gefährdet; verschiedene Vogelarten sind im Mittelland bereits verschwunden. Die nächste Revision muss deshalb auch den Schutzgedanken stärken. Ein Beispiel: Feldhase, Alpenschneehuhn, Birkhuhn, Waldschnepfe, Haubentaucher und diverse Entenarten sind jagdbar. Die Störungsproblematik durch die Jagd sollte im Hinblick auf eine JSG-Revision überprüft werden. 

Der Bundesrat muss die Weichen richtig stellen
BirdLife Schweiz, Gruppe Wolf Schweiz, Pro Natura und der Ökologische Jagdverein Schweiz fordern zusammen mit dem WWF Schweiz und dem Schweizer Tierschutz STS den Bundesrat auf, die laufenden Revisionsschritte zurückzustellen und in eine umfassende Gesamtrevision zu überführen. Nur eine einzige, breit abgestützte, fachlich fundierte und logische Revision schafft nachvollziehbare Regeln, mehr Vertrauen und eine tragfähige Grundlage für den langfristigen Schutz von Wildtieren, Wald und Artenvielfalt.



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