Die Kooperation von Wirtschaft, Naturschutz und Philanthropie «Basel blüht auf» wird weitere drei Jahre fortgeführt. Im September 2026 fanden erneut die Biodiversitätstage in Basel statt – und wurden auf allen Ebenen zum Erfolg.
Unerträglich heiss war es in diesem Sommer auch in Basel, besonders auf asphaltierten Plätzen ohne Bäume und Grünflächen. Da passte «Basel blüht auf» perfekt: Anfang September entstand auf dem grauen Meret Oppenheim-Platz quasi über Nacht eine artenreiche Blumenwiese. Das Bild zog Besucherinnen und Besucher an. Viele informierten sich über die Begrünungsaktion und äusserten den Wunsch nach mehr Grün in der Stadt. Wie schon in den vergangenen Jahren liessen sich zahlreiche Menschen zu eigenen Biodiversitätsprojekten inspirieren und kauften einen Wiesenziegel – einen kleinen, konkreten Beitrag zu einer grüneren Stadt.
Anfang September entstand auf dem grauen Meret Oppenheim-Platz quasi über Nacht eine artenreiche Blumenwiese.
Doch die grössere Frage bleibt: Wer sorgt dafür, dass aus einem schönen Sommer-Moment mehr wird? «Wir müssen der Natur einen Preis geben», sagte André Hoffmann an der Eröffnungsveranstaltung.
André Hoffmann: «Was ist ein Baum wert?»
Die Zusammenarbeit von BirdLife Schweiz, der Basler Kantonalbank BKB und der Christoph Merian Stiftung funktionierte in diesem Jahr fast «ohne Worte». Der Kontrast zwischen der bunt-grünen, von Schmetterlingen und Hummeln belebten Blumenwiese und der Hitzeinsel der vergangenen Wochen war selbstredend. Trotzdem setzte «Basel blüht auf» auf ein hochkarätiges Impulsreferat. André Hoffmann rief die Gäste aus Wirtschaft, Naturschutz, Philanthropie, Verwaltung und Politik dazu auf, das Wirtschaftssystem neu zu denken. «Wir haben Wohlstand geschaffen, indem wir etwas als praktisch unbegrenzt und kostenlos behandelt haben, das weder unbegrenzt noch kostenlos ist», erklärte er. Natur und Planet würden behandelt, als seien sie unerschöpflich. «Eine Wirtschaft, die ihre eigenen Lebensgrundlagen zerstört, kann auf die Dauer keinen Wohlstand schaffen.»
Wir würden zudem oft das mit dem verwechseln, was wirklich einen Wert hat. «Was ist ein Baum in Basel wert?», fragte Hoffmann. Sicher nicht nur das Holz. Ein lebender Baum spendet Schatten, filtert die Luft, speichert Wasser und bietet Lebensraum. Doch diese Leistungen erscheinen in keiner Erfolgsrechnung. Sein Appell: Die Natur muss in den wirtschaftlichen Entscheidungen und Erfolgsrechnungen einen Wert erhalten. Kurzfristige Gewinne könnten nicht aufwiegen, was Unwetter, Krankheiten, Umweltschäden und Ernteausfälle langfristig kosten – ganz zu schweigen vom menschlichen Leid.
Das Podium mit Regula Berger, CEO BKB, Baschi Dürr, Direktor cms, Raffael Ayé, Geschäftsführer BirdLife Schweiz und André Hoffmann, Unternehmer und Philanthrop, unter der Leitung von Rafael von Matt, SRF Bundeshausredaktor, brachte eine grosse Bandbreite von Fragen auf.
Podiumsdiskussion mit tiefgreifenden Fragen
In der anschliessenden Podiumsdiskussion hinterfragte der ehemalige Regierungsrat Baschi Dürr die These, die Natur brauche ein Preisschild. Er verwies auf die Tragik der Allmende: Bei frei zugänglichen Gütern fallen Nutzen und Schaden oft nicht beim gleichen Akteur an, die Kosten trägt letztlich die Gesellschaft. Ob es wirklich eine unlösbare Tragik sei, wolle er hier nicht beantworten, sicher sei es ein bekanntes Dilemma, nahm Raffael Ayé den Einwand auf: «Wir können das Allgemeingut Natur nutzen, wir können es bei der Nutzung sogar stark schädigen und die Leute denken sich vielleicht sogar: ja, ist nicht so gut, aber es ist niemand da, der sagt: stopp, das gehört mir – dann wäre das eine Frage der Eigentumsrechte, die neu geregelt werden müssten, oder es ist niemand da, der sagt: das ist verboten – dann wäre es eine politische Regulierung. Wie setzen wir also die Rahmenbedingungen, dass es sich eben nicht mehr lohnt, so zu wirtschaften, dass es schädlich ist?»
Auch aus dem Publikum kam die Frage nach dem richtigen Preis für die Natur. Wie bleibt beispielsweise Wasser für alle zugänglich, wenn seine Nutzung teurer wird? Das sei eine gesellschaftliche und keine individuelle Frage, antwortete André Hoffmann. «Für das Individuum nicht lösbar, für die Gemeinschaft aber schon.» Regula Berger verwies auf die Möglichkeit, die Kosten der Wiederherstellung von Anfang an in unternehmerische Prozesse einzurechnen – und etwa über Banken nachhaltige Projekte und saubere Prozesse zu finanzieren.
Wie aber lassen sich die nötigen Veränderungen beschleunigen? Ein Perspektivenwechsel sei nötig, so Hoffmann: Nicht nur fragen, was neue Prozesse kosten, sondern welche Chancen darin liegen, soziales, menschliches und natürliches Kapital neu zu bewerten und darin zu investieren. «Man kann heute eine Firma nicht mehr nur für die Aktionäre führen. Man muss sie für die Gesellschaft führen.»
Weltwandelsabkommen – mit sich selbst
Moderator Rafael von Matt (SRF) schaffte es, bei dem komplexen Thema eine offene Diskussion zu ermöglichen. Zum Schluss ging es um die Frage, ob Menschen zu nachhaltigem Handeln «erzogen» werden müssten. «Erziehen kann nicht unser Ziel sein», meinte Raffael Ayé. Stattdessen brauche es Rahmenbedingungen, in denen nachhaltige Entscheide auch rational und wirtschaftlich attraktiv seien.
Zum Schluss der Veranstaltung wurde das Publikum zur Unterzeichnung eines persönlichen «Weltwandelsabkommens» aufgerufen. Auf einer Pinnwand sammelten sich konkrete Vorsätze – von weniger Fleisch über das Pflanzen von Bäumen und Entsiegeln von Flächen bis zu nachhaltigerem Handeln im Unternehmen.
Das rege Interesse an der Diskussion und an den Wiesenziegeln macht Mut. Vielleicht zeigt gerade eine kleine Blumenwiese mitten in Basel, wie ein Systemwandel beginnen kann: indem sichtbar wird, was möglich ist – und Menschen Lust bekommen, selbst etwas zu verändern.
Raffael Ayé, Geschäftsführer BirdLife Schweiz, Baschi Dürr, Direktor cms, Regula Berger, CEO BKB, und André Hoffmann, Unternehmer und Philanthrop
Aufzeichnung des Referats und der Podiumsdiskussion
400 Quadratmeter BlumenwieseVon den 400 Quadratmetern Blumenwiese werden 270 im BirdLife-Artenförderungsprojekt für den Gartenrotschwanz in Liestal und in Seltisberg eingesetzt. Hier ergänzen sie die bereits angelegten Strukturen wie z. B. eine vielfältige Hecke mit einem Saum oder einen neuen Hochstammobstgarten. Ein Teil dieser Wiesenziegel wurde durch ein Kraut-Funding, 130 Quadratmeter durch eine Spende der Firma Roche AG unterstützt. Im Siedlungsraum können total 130 Quadratmeter Wiese für mehr Biodiversität sorgen:
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